Token-Rückkäufe über 600 Mio. $: Warum sie manchen Altcoins helfen und anderen nicht
Projekte setzen echte Einnahmen in Rekordtempo für eigene Token ein. Die Bilanz reicht von Hyperliquids Erfolg bis zu Programmen, die gegen die Verwässerung verloren.
ALTCOINSDEFIANALYSIS
Daniel Hartley
10/27/20263 min lesen
Jahrelang lautete der gängige Vorwurf an Altcoins, ihre Token profitierten kaum von dem Wert, den ihre Netzwerke schaffen. 2026 reagieren immer mehr Projekte darauf, indem sie Einnahmen in den Rückkauf eigener Token stecken. Laut Daten von Allium Labs, zitiert von der Financial Times, summierten sich die Rückkäufe zwischen dem 1. Januar und dem 31. August auf rund 638 Mio. $, nach 545 Mio. $ im selben Zeitraum 2025 und nahezu nichts im Jahr 2024. Die Token-Ökonomie ist damit zu einem der wichtigsten Maßstäbe geworden, an denen Anleger Altcoins vergleichen. Die schwierigere Frage ist, ob Rückkäufe dauerhaften Wert schaffen oder nur Geld in Vermögenswerte umschichten, die weiter fallen.
Die Aktivität ist stark konzentriert. Auf Hyperliquid und Pump.fun entfielen fast 90 % der diesjährigen Rückkäufe. Hyperliquid leitet rund 99 % seiner Handelsgebühren über den sogenannten Assistance Fund in den Kauf von HYPE und hat seit Dezember 2024 Token im Wert von etwa 1,3 Mrd. $ zurückgekauft und aus dem Verkehr gezogen. HYPE legte in den zwölf Monaten bis Ende August um rund 70 % zu, während die meisten großen Altcoins fielen. Für Befürworter des Modells ist das das deutlichste Fallbeispiel.
So funktioniert ein Token-Rückkauf
Die Mechanik ist einfach. Ein Protokoll erhebt Gebühren von seinen Nutzern, meist in Stablecoins oder im Basistoken seiner Blockchain. Ein Smart Contract oder ein Treasury-Team kauft dann den eigenen Token am offenen Markt, entweder nach festem Zeitplan oder nach Ermessen des Teams. Was danach passiert, unterscheidet sich. Manche Projekte verbrennen die Token und senken das Angebot dauerhaft. Andere halten sie in der Treasury, was Flexibilität schafft, aber einen späteren Wiederverkauf ermöglicht. Eine dritte Gruppe verteilt sie an Staker, was eher einer Dividende als einem Rückkauf gleicht.
Der Vergleich mit dem Aktienmarkt hilft. Aktienrückkäufe stützen einen Kurs meist dann, wenn sie aus wiederkehrendem Cashflow finanziert werden und das Unternehmen nicht gleichzeitig in großem Stil neue Aktien ausgibt. Dieselben zwei Bedingungen entscheiden darüber, ob ein Token-Rückkauf funktioniert: echte Einnahmen auf der einen Seite und begrenztes neues Angebot auf der anderen.
Wo das Modell versagt
Die Liste der Programme, die den Kurs nicht gestützt haben, ist lang. Jupiter gab laut denselben Allium-Daten in diesem Jahr knapp 14 Mio. $ für Rückkäufe aus, während der Token binnen zwölf Monaten rund 55 % verlor. Der Chainlink-Token hat sich trotz Reservekäufen etwa halbiert, und Helium stellte sein Rückkaufprogramm im Februar ganz ein. In allen Fällen war das eingesetzte Geld klein im Verhältnis zum Marktwert, zu neuen Emissionen oder zum Verkaufsdruck eines schwächeren Marktes.
Am deutlichsten zeigt Pump.fun das Spannungsfeld zwischen Rückkauf und Verwässerung. In der Woche bis zum 9. August gab die Plattform rund 5 Mio. $ aus, um 2,15 Mrd. PUMP zu kaufen und zu verbrennen; bis dahin hatte das Programm etwa 15,7 % des ursprünglichen Angebots ausgeglichen. Doch im Juli flossen freigegebene PUMP im Wert von rund 86,5 Mio. $ an 121 Wallets von Team und Investoren. Ein Rückkauf, der parallel zu großen Freigaben läuft, nimmt oft kaum mehr als das Angebot der Insider auf. Die zweite Schwachstelle ist die Beständigkeit der Einnahmen: Hyperliquid lebt vom Derivatevolumen, Pump.fun von Memecoin-Starts, beides ist zyklisch. Rückkäufe wirken damit prozyklisch, am größten, wenn die Kurse ohnehin hoch sind, und am kleinsten, wenn Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.
Checkliste für Rückkauf-Ankündigungen
Fünf Fragen trennen Substanz von Marketing. Wie groß ist das Programm im Verhältnis zur Marktkapitalisierung und zu geplanten Freigaben? Wird es aus echten Gebühreneinnahmen finanziert oder aus dem Verkauf von Treasury-Token oder Wagniskapital? Werden die gekauften Token verbrannt, gehalten oder umverteilt? Kann die Governance das Programm abschalten oder die Mittel umlenken? Und sind die kaufenden Adressen öffentlich, sodass jeder die Käufe on-chain prüfen kann?
Manche Projekte schreiben inzwischen Leitplanken in ihre Modelle. Lidos vorgeschlagenes NEST-Rahmenwerk würde erst ab einem annualisierten Umsatz von über 40 Mio. $ greifen, mit einem Limit von 50.000 $ pro Tag und 10 Mio. $ in jedem rollierenden Zwölfmonatszeitraum. Sky, das frühere MakerDAO, kaufte in diesem Jahr aus Protokollüberschüssen SKY für etwa 26 Mio. $. Diese Programme sind kleiner als das von Hyperliquid, lassen sich dank klarer Regeln aber leichter bewerten. Hinzu kommt die Regulierung: Ein Token, der Protokolleinnahmen an seine Inhaber weiterleitet, ähnelt zunehmend einem Anspruch auf Cashflow, und die laufenden Regelvorschläge von SEC und CFTC werden prägen, wie solche Mechanismen in den USA behandelt werden. Vorerst lautet die Lehre aus 2026: Rückkäufe verstärken ein funktionierendes Geschäftsmodell, sie ersetzen es nicht. Profitieren werden Projekte, deren Nutzer Monat für Monat nennenswerte Gebühren zahlen und deren Token-Angebot nicht schneller wächst, als das Programm es aufnehmen kann.
