Binance-Hack: Wie Angreifer in 20 Minuten 6,3 Mrd. $ erbeuteten
Binance verlor rund 6,3 Mrd. $ – der größte Krypto-Diebstahl aller Zeiten. Der Ablauf des Angriffs, die Spur nach Nordkorea, die Sperren und was jetzt folgt.
SECURITY & HACKSEXCHANGESANALYSIS
Lukas Brenner
10/30/20265 min lesen


Rund zwanzig Minuten brauchten die Angreifer am Abend des 29. Oktober, um die Hot Wallets von Binance, der weltgrößten Kryptobörse, auf zehn Blockchains leerzuräumen. Binance beziffert den Schaden auf etwa 6,3 Mrd. $. TRM Labs, das jede Überweisung zum Kurs im Moment ihrer Ausführung bewertet, kommt auf 6,36 Mrd. $. So oder so ist es der größte Diebstahl in der Geschichte der Kryptobranche, etwa viermal so viel wie die 1,5 Mrd. $, die im Februar 2025 bei Bybit erbeutet wurden. Bis Freitagmorgen waren mehr als 2,5 Mrd. $ eingefroren, Binance hatte zugesagt, sämtliche Kundenverluste zu ersetzen, und Auszahlungen blieben ausgesetzt.
Zwanzig Minuten, zehn Blockchains
Die von TRM Labs rekonstruierten On-Chain-Daten zeigen eine schnelle, genau getaktete Operation. Zwischen 20:05 und 20:09 Uhr UTC überwiesen fünf Binance-Wallets auf dem XRP Ledger 233,46 Mio. XRP an eine einzige Adresse; auf jeder blieb nur das Mindestguthaben zurück. Es folgten Wallets auf Solana und Optimism. Um 20:20 Uhr UTC schickte eine Bitcoin-Hot-Wallet von Binance in elf Transaktionen 18.270 BTC an den Angreifer, alle im selben Block bestätigt. Binnen zwei Minuten flossen aus einer Tron-Hot-Wallet 612,7 Mio. USDT und 46,4 Mio. TRX ab.
Den schwersten Einzelschlag musste Ethereum hinnehmen. Wenige Minuten nach 20:20 Uhr räumte der Angreifer das gesamte Guthaben der als „Binance 14“ gekennzeichneten Hot Wallet ab: 167.464 ETH sowie 63 Token, darunter 1,615 Mrd. USDT. Eine zweite Ethereum-Wallet überwies auf dieselbe Weise 28.006 ETH, weitere Abflüsse zogen sich bis kurz vor Mitternacht hin. Gegen 23:05 Uhr UTC traf eine zweite Welle Binance-Wallets auf Avalanche und Polygon. Nach Zählung von TRM umfasste die Beute mehr als 200.000 ETH, 1,875 Mrd. USDT, 823 Mio. USDC, 18.270 BTC, rund 970.500 SOL und 88,5 Mio. Einheiten von Ripples Stablecoin RLUSD.
Wie der Angreifer eindrang
Nach vorläufigen Erkenntnissen von Binance war der Laptop eines DevOps-Ingenieurs kompromittiert. Darüber verschaffte sich der Angreifer Zugang zu einem Service-Container, über den Auszahlungstransaktionen eingereicht werden. Später teilte die Börse mit, ihre Untersuchung habe weitere Einfallstore zutage gefördert, nannte aber keine Einzelheiten. Hinweise darauf, dass private Schlüssel der Wallets abgeflossen seien, gebe es nicht. Eine vollständige technische Aufarbeitung ist angekündigt.
Auf Ethereum stützte sich der Angriff auf EIP-7702. Die Funktion kam im Mai 2025 mit dem Pectra-Upgrade und erlaubt es einer gewöhnlichen Wallet, nach Unterzeichnung einer Autorisierung Smart-Contract-Code auszuführen. Laut TRM reichte der Operator eine einzige Transaktion mit 50 vorab signierten Autorisierungen für aufeinanderfolgende Nonces ein. So blieb eine davon gültig, ganz gleich, wie schnell der Transaktionszähler der Hot Wallet hochlief. Eine passte, und Binance 14 wurde zu einem Sweeper, der nur noch dem Angreifer gehorchte und so lange weiterarbeitete, bis die Berechtigung widerrufen wurde. Auf den übrigen neun Chains verließen die Gelder die Wallets über ganz normale, gültig signierte Überweisungen. TRM kommt zu dem Schluss, dass der Angreifer Binances Signatursystem für Hot Wallets dazu bringen konnte, Transaktionen über mehrere Chains hinweg freizugeben. Das wiegt schwerer als jede einzelne Ethereum-Funktion.
Die Spur nach Nordkorea
TRM Labs schreibt den Angriff mit hoher Sicherheit TraderTraitor zu, jener nordkoreanischen Einheit, die das FBI für den Bybit-Diebstahl verantwortlich macht. Auch Chainalysis, Blockaid und der Ermittler ZachXBT sehen Pjöngjang dahinter. Das Muster ist bekannt: Die Operator-Wallet wurde am Morgen des 28. Oktober mit kleinen Abhebungen von Tornado Cash befüllt, der Angriffscode wurde Stunden vor dem Diebstahl auf Test-Wallets geprobt, und vorab beschaffte Signaturen wurden in einem einzigen Schub ausgeführt. TRMs Policy-Chef Ari Redbord sprach von einer Zäsur und warnte, dass Diebstähle dieser Größenordnung zur Finanzierung von Waffenprogrammen beitragen.
Wettlauf um die Sperren
Die Stablecoin-Emittenten reagierten ungewöhnlich schnell. Tether fror um 21:01 Uhr UTC, 37 Minuten nach dem Hauptabfluss, 971,1 Mio. USDT in der wichtigsten Empfänger-Wallet ein; Tether-Chef Paolo Ardoino bezifferte die insgesamt gesperrten Bestände später auf mehr als 1,57 Mrd. USDT. Circle fror drei Minuten danach in Abstimmung mit den Strafverfolgungsbehörden rund 823 Mio. USDC ein. Ripple sperrte 40,5 Mio. RLUSD, bevor der Rest verkauft werden konnte, World Liberty Financial fror 27,8 Mio. USD1 ein, und der Security Council von Arbitrum verschob kurz nach Mitternacht zwangsweise ETH und ARB im Wert von rund 30 Mio. $ aus einer Wallet des Angreifers. Nach Angaben von Binance wurden mit Hilfe von Partnern und Behörden etwa 3 Mrd. $ eingefroren.
Das Problem ist, was die Emittenten nicht erreichen. Die 18.270 BTC wurden über eine Peel Chain auf 19 Wallets verteilt, 17 davon mit exakt 1.000 BTC; bis Freitagmorgen hatte sich keine davon bewegt. Bitcoin hat keinen Emittenten, der eine Adresse sperren könnte. Die Coins lassen sich erst stoppen, wenn sie bei einer Börse, einem OTC-Desk oder einem Swap-Dienst auftauchen. Zudem tauschte der Angreifer über intent-basierte Swap-Kontrakte rund 325 Mio. USDT in etwa 122.300 ETH und nahm dabei einen Abschlag von mehr als 10 % in Kauf, um den Sperren zu entkommen. Bei Aave lieh er sich gegen gestohlene USDT rund 20.000 ETH, bevor Aave die betroffenen Märkte einfror. Nach Schätzung von TRM liegen mehr als 420.000 ETH und sämtliche 18.270 BTC, zusammen etwa 2,4 Mrd. $, außerhalb der Reichweite jedes Emittenten.
Binances Bilanz und die Frage der Kunden
Co-CEO Yi He erklärte, Binance werde sämtliche Verluste übernehmen. Gründer Changpeng Zhao, heute größter Anteilseigner, sagte, er gehe davon aus, dass die Nutzer vollständig entschädigt werden. Am 30. Oktober teilte Binance mit, mehr als 6,34 Mrd. $ bereitgestellt zu haben: rund 5 Mrd. $ aus Unternehmensmitteln, die bereits in den betroffenen Token gehalten wurden; den verbleibenden Fehlbetrag kauft die Börse an öffentlichen Märkten und außerbörslich zu. Der 2018 aufgelegte Notfallfonds SAFU hielt in der Regel rund 1 Mrd. $ in Bitcoin. Die etwa 3 Mrd. $, die Partner eingefroren haben, sind in dieser Reserve nicht eingerechnet; jede Rückholung käme also hinzu.
Wie viel an dieser Zusage hängt, zeigen die Reservedaten. Binance 14 tauchte im Proof-of-Reserves-Bericht der Börse vom 1. Oktober auf. Die gestohlenen Coins zählten also zur Deckung der Kundenguthaben. CoinDesk schätzt, dass das erbeutete ETH rund 5,6 % der ETH-Reserven von Binance entspricht. Der nächste Snapshot, fällig am 1. November, wird zeigen, ob die Lücke geschlossen ist. Binance, das laut DefiLlama vor dem Hack Vermögenswerte von rund 144 Mrd. $ hielt, hat zugesagt, alle Nutzergelder öffentlich per Proof of Reserves nachzuweisen.
Folgen für den Markt
Die Reaktion fiel heftig aus, aber nicht chaotisch. Am 29. Oktober gab Bitcoin um fast 5 % auf unter 77.000 $ nach, Ether verlor rund 6 % und BNB 8 %; die Liquidationen gehebelter Positionen summierten sich auf etwa 1,57 Mrd. $. Die indische Börse CoinDCX setzte die Eröffnung neuer Futures-Positionen aus und verwies auf gestörte Liquidität. Am Freitag notierte Bitcoin knapp unter 78.000 $, während Binance erklärte, die Auszahlungen wie geplant binnen etwa 45 bis 48 Stunden wieder freizugeben.
Worauf es jetzt ankommt
Vier Faktoren entscheiden, wie diese Geschichte ausgeht. Erstens die Bitcoin: Setzen sich die 19 Wallets in Bewegung, geraten Börsen und OTC-Desks unter Druck, in Echtzeit zu prüfen und einzufrieren. Zweitens Binances Post-Mortem, das erklären muss, wie ein einzelner kompromittierter Rechner Überweisungen auf zehn Chains autorisieren konnte. Drittens der Reserve-Snapshot zum 1. November. Viertens die Aufsicht, die voraussichtlich fragen wird, ob Limits für Hot Wallets, getrennte Signaturprozesse und die Überwachung von EIP-7702 zur formalen Pflicht werden sollten. Für Nutzer gilt einmal mehr die älteste Lektion der Kryptowelt: Vermögen auf einer Börse ist nur so sicher wie deren schwächster Laptop.
Quelle: TRM Labs, CoinDesk, Binance, Chainalysis, TechCrunch, Al Jazeera, DefiLlama
